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20
Mai

Brainstorming – 1000-mal probiert, 1000-mal ist nichts passiert. Wieso viele die bekannteste Kreativitätstechnik falsch einsetzen und Wege, wie Brainstorming doch noch ein Happy End hat

Auf der Suche nach einer neuen Strategie, ein Team kommt zusammen – das Ergebnis sind 87 unterschiedliche Ideen in 90 Minuten! Alex Osborn, der Erfinder der bekanntesten Kreativitätstechnik, dem “Brainstorming”, schwärmt in seinem bereits 1948 veröffentlichten Buch “Your Creative Power” von der Kraft und Einfachheit einer Methode, die “…is used mainly to label the kind of conference where a few people sit down together for an hour or so solely to use their creative imaginations – solely to suggest ideas on a specific subject, right then and there” (Osborn, 2013, S. 2). Brainstorming, in den 30er Jahren entwickelt, gilt heute noch immer als prominenter Lesestoff jeder Managementfibel und als meist genutzte Methode für Gruppen, die nicht weiter wissen, Dinge besser oder anders machen wollen. Für ihren Erfinder Osborn lag dabei der Schlüssel des Erfolges darin, dass sich eine Gruppe von Personen jenseits von Kritik, das bedeutet, jedes Wort ist erstmal eine gutes Wort, fokussiert einem veränderungswürdigen Thema widmet, um die kreative Weisheit der Vielen zu entfachen und Ideen zu produzieren. Die aktuelle Unternehmensrealität gibt dem amerikanischen Journalisten und Werbemann Osborn Recht. Psychologen der Universität Groningen schrieben erst jüngst in einem Fachartikel der “Advances of Experimental Social Psychology”, dass etwa 80 Prozent der Menschen davon überzeugt sind, dass sie in einer Gruppe weitaus mehr und kreativere Ideen finden, als wenn sie alleine und im stillen Kämmerlein auf die Suche gingen.

Brainstorming – ein Mythos

Leider kann auch eine Mehrheit manchmal irren. Ganz nüchtern betrachtet steht Brainstorming nämlich eher für eine Flaute im Kopf als für Orkane von Ideen, die in unseren Gehirnen entstehen. Seit mehr als 50 Jahren belegen verschiedene wissenschaftliche Studien, dass Brainstorming keinesfalls den Mehrwert erbringt, dem man ihm überwiegend nachsagt. Bereits 1958 präsentierte die Universität Yale ein Forschungsergebnis, das den Beleg erbrachte, dass Gruppen in Problemlösefindungsprozessen qualitativ und quantitativ schlechter abschnitten als Einzelpersonen. Diese Kritik verstärkte sich zusehends. 1991 veröffentlichte der Sozialpsychologe Brian Mullin eine Metaanalyse (ca. 20 Studien) über die Effektivität von Brainstorming. Die Tendenz der Ergebnisse ist weiterhin eindeutig: Sogenannte Nominalgruppen (jeder Proband arbeitet für sich selbst) entwickeln durchgehend mehr neue Wege und Ideen als Gruppen, die sich mittels Brainstorming der Problemlösung näherten.

Aber warum ist das? Können wirklich so viele Menschen irren? Was hemmt die Weisheit der Vielen? Und wie konnte sich der Mythos “Brainstorming” bis heute halten?

Die ersten Vermutungen nahmen die Trittbrettfahrer ins Fadenkreuz, also Probanden, die selbst nichts aktiv zur Lösung beitragen. Könnten sie der destruktive Faktor sein? Ebenfalls im Verdacht standen gehemmte Gruppenmitglieder. Könnten vorlaute und sich zu sehr in der Vordergrund drängende Personen der Grund für die schwache Ideenproduktion beim Brainstorming sein? Beide noch so plausiblen Faktoren entpuppten sich als nahezu irrelevant. Maßgeblich verantwortlich für die durchgehend miserablen Ergebnisse der Brainstormer war bzw. ist ein weitaus simpleres Puzzleteil: das gegenseitige Blockieren. Spricht gerade eine Person, dann versuchen sich die übrigen Teilnehmer darauf zu konzentrieren, nicht ihren eigenen Gedanken zu verlieren oder gar zu vergessen. Und während sie artig zuhören und auf die Gesprächspause warten, in der sie dann endlich auch etwas sagen können, nehmen sie wenig bis gar nichts von dem auf, was die anderen Brainstormer beitragen. Psychologen bezeichnen diesen Effekt als kognitive Restriktion. Das klingt nach allem, aber nicht nach Storming.

Brainwriting – ein möglicher Ausweg

Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt sich eine modifizierte Brainstorming-Version: das Brainwriting. Hierbei schreibt jedes Gruppenmitglied seine Ideen beispielsweise in vernetzte Computer und macht sie dem Rest zugänglich. So entstehen keine der schädlichen Pausen und die Ideen befeuern sich trotzdem gegenseitig.

Wer sich noch immer nicht von dem Ausmaß der kognitiven Restriktion entmutigen lassen möchte und am Erbe von Alex Osborn festhalten will, der sollte dringend einige wichtige Aspekte beachten, die Brainstorming doch noch irgendwie zu einer Nutzen stiftenden Ideenwerkstatt machen:

  • Heißen Sie wirklich jede Idee willkommen
  • Verbannen Sie jeden Hierarchieunterschied
  • Vermeiden Sie Bewertungen
  • Schaffen Sie eine lockere Arbeitsatmosphäre bevor Sie anfangen, den Ideensturm loszulassen
  • Sorgen Sie für eine vertrauensvolle und (erstmal) schweigende Atmosphäre – jeder schreibt für sich und liest im Stillen die Ideen der Anderen und fügt seine Kommentare im Stillen an
  • Leiten Sie mit klarer und strukturierter Hand
  • Visualisieren Sie so viel und so oft wie möglich
  • Sorgen Sie für regelmäßige Inventuren und “Zwischenlieferungen”, weil die Zeit erbarmungslos tickt.
  • Schaffen Sie die gleichen Chancen für alle und ermöglichen Sie, dass jeder Teilnehmer die gleichen Redeanteile bekommt. Leise können oftmals die viel aufbrausenderen Stürme entfachen

Abschließend möchte ich jeden Leser einladen, über seinen methodischen Tellerrand zu schauen. Ideen in Gruppen lassen sich definitiv auch anders finden und weitaus effektiver und geistreicher als mit einer Methode, die laut der Ausgabe 6 aus dem Jahr 2012 des ZEIT Campus sogar “Bullshit” ist. Alternativen gibt es genügend! Mindmapping, World Café, sechs Hüte von de Bono, Walt-Disneys Team vom Träumer, Kritiker und Realisiten und viele, viele mehr.

Brainstorming war gestern. Und gestern war schon lang genug.

Und nächste Woche lesen Sie No risk, but fun – warum ein grundsätzliches Risikomanagement zu jedem Projekt gehört“.

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