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Sep

TEAMWILLE Goes South Korea – Joffrey Mabuma spricht zum Thema Platform Thinking

Unser TEAMWILLE-Kollege Dr. Joffrey Mabuma nahm als Keynote-Speaker zum Thema Plattform Denken an einer großen internationalen Konferenz in Seoul, Südkorea teil. In diesem Interview berichtet er von seiner Reise und seinen Erfahrungen beim Austausch über digitale Geschäftsmodelle mit einem internationalen Fachpublikum.

TEAMWILLE: Du hast in Seoul einen Fachvortrag zum Thema Platform Thinking gehalten. Kannst Du uns kurz beschreiben, was darunter zu verstehen ist?

Platform Thinking, auf Deutsch Plattform Denken, ist die Kunst, sich Geschäfte, nicht nur bzw. nicht mehr als geradlinige Herstellung von Gütern, Produkten oder Dienstleistungen für Konsumenten vorzustellen. Stattdessen ist darunter eher die Interaktionen zwischen unterschiedlichen Nutzergruppen zu verstehen, die potentiell Güter, Produkte oder Dienstleistungen über digitale Plattformen austauschen möchten. Ich begreife diesen Ansatz hauptsächlich als Denkprozess für innovative digitale Geschäftsmodelle. Es ist in meinen Augen ein alternativer Weg, um Wirtschaften in der digitalen Welt grundsätzlich neu zu denken.

TEAMWILLE: Wie bist Du auf die Idee zu deinem Vortrag bzw. das Thema Platform Thinking gekommen?

Vor etwa einem Jahr bin ich zufällig über ein interessantes Paper über Platform Thinking gestolpert. Das Thema fand ich sehr abstrakt und allgemein. Am nächsten Morgen hatte ich aber auf einmal Ideen im Kopf, die meine bisherigen Erfahrungen und Kenntnisse zum Thema digitale Plattformen konzeptuell erweiterten. Ich dachte mir: „So kann es vielleicht ganz anders funktionieren. Ist es möglich, Geschäftsmodelle völlig neu aufzustellen?“

TEAMWILLE: Was war Deine Rolle in Deinen Projekten zum Thema Plattformen? Inwiefern konntest Du Platform Thinking beobachten und mitgestalten?

Ich war in der Rolle eines externen Beraters tätig, der unterschiedliche Fachbereiche im Automotive Aftersales operativ und konzeptuell unterstützt hat, d.h., Testing, Anforderungsmanagement, Produktentwicklung, PMO. Plattformen konnte ich also aus der Nähe beobachten und nachvollziehen, wie dieses Thema in der Kundenorganisation verstanden bzw. nicht verstanden wurde. Freiraum für Gestaltung gab es allerdings kaum, da meine Rolle eher in der fachlichen Ausarbeitung bzw. Koordination lag, als in der Umgestaltung von verankerten Denkprozessen in der Kundenorganisation.

TEAMWILLE: Warum ist das Thema relevant? Welchen Mehrwert bietet es?

Digitale Plattformen bringen generell Produkt- bzw. Serviceanbieter und Käufer zusammen und schaffen damit sowohl im B2C- als auch in B2B-Bereich erheblichen Mehrwert für die unterschiedlichen Nutzergruppen der Plattform. Zum Beispiel kann dabei die Wertschöpfungskette sehr effektiv umgestaltet werden. Plattformen bieten auch zwischen den unterschiedlichen Nutzergruppen eine neue und vernetzte Erfahrung, die es bisher nicht immer gab.

TEAMWILLE: Ist Platform Thinking ein globaler Trend, der mehrere Wirtschaftsbereich umfasst, oder ist es auf bestimmte Märkte beschränkt?

Platform Thinking ist nicht nur ein globaler Trend, sondern wird meiner Meinung nach auch nachhaltige Veränderungen hervorrufen, genauso wie Agilität. Diese Art von Denken wird sich zunächst in den Märkten durchsetzen, in denen digitale Produkte und Services sehr oft ausgetauscht werden können. Anders ausgedrückt: Wo digitale Plattformen, Internet of Things (IoT) und Industrie 4.0 bereits „ausgerollt“ und ausgereift sind.

TEAMWILLE: Bei dieser neuartigen Vernetzung von Anbietern und Kunden ist der Austausch von Daten ein zentraler Faktor. Welche Rolle spielt der Datenschutz dabei?

Der Datenschutz wird dabei eine bedeutende Rolle spielen. Plattformen zentralisieren sehr große Menge an Privatdaten. Sie werden Vertrauen bei der Datennutzung schaffen müssen (insbesondere im B2C-Bereich). Plattformanbieter müssen somit noch mehr Verantwortung für den Umgang mit Daten übernehmen, um Missbrauch zu vermeiden. Nicht umsonst sagt man, dass Daten das neue Gold sind.

TEAMWILLE: Welcher Bezug lässt sich zwischen Platform Thinking und Projektmanagement herstellen? Bieten sich agile Arbeitsmethoden an?

Plattform-Denken beziehungsweise -Umdenken ist wichtig, um angesichts der Digitalisierung und disruptiver Geschäftsmodelle einen nachhaltigen Projektnutzen vor dem Projekt-Kick-Off sicherzustellen. Von daher ist der Bezug zum Projektmanagement klar, zumindest zu der Konzeptionierungsphase vor dem Projekt.

Der Bezug zu den agilen Arbeitsmethoden sehe ich eher in der Implementierung. Am Ende des Plattformdenkens liegt generell eine grobe Vision des Endproduktes vor, nämlich die Plattform! Da wir hier meistens über digitale Plattformen reden, bieten sich agile Arbeitsmethoden an, da sie sehr gut geeignet sind, um IT-Plattformen auf inkrementelle Weise zu bauen und weiterzuentwickeln.

TEAMWILLE: Die ITS, die International Telecommunications Society, hat Dich zu ihrer Konferenz in Seoul vom 24. bis 27. Juni eingeladen, um Deine Ideen zum Plattform Denken vorzustellen. Wie kam es zu dem Kontakt und der Einladung?

Ein ehemaliger Studienkollege von mir aus Stuttgart hatte an der Korea University studiert, bevor er nach Deutschland gekommen ist. So kam der Kontakt zur Konferenz zustande. Natürlich musste ich wie jeder andere Speaker sicherstellen, dass mein Beitrag den Qualitätsansprüchen entspricht. Ein Prüfungskomitee musste ihn akzeptieren, bevor die Veranstalter mich zu der Konferenz einladen konnten.

TEAMWILLE: Gibt es in Bezug auf das Thema Plattform Unterschiede in der Herangehensweise zwischen Europa und Asien bzw. anderen Ländern?

Ich habe das Gefühl, dass die Europäer dazu noch eine konservativere Haltung haben. Woran es genau liegt, kann ich bis dato nicht sagen. Eins ist aber klar. Wenn man sich die 30 größten digitalen Plattformen in 2018 mit Fokus auf E-Commerce weltweit anschaut, sind sieben davon aus dem Asiatischen Raum, vier aus Europa und die restlichen aus Amerika. Das heißt, Unterschiede in der Herangehensweise muss es geben.

TEAMWILLE: Wie hat das Publikum Deinen Vortrag und das Thema aufgenommen?

Das Publikum fand das Thema brandaktuell und sehr interessant. Viele waren von der Rede in der Form einer Geschichte aus der Industrie begeistert und fanden es toll aus einer Business- bzw. Consulting-Perspektive Hintergrundinformationen zu erhalten. Einigen Forscher hätten sich allerdings eine wissenschaftlich fundiertere Studie gewünscht. Man kann aber nicht jeden zufrieden stellen.

TEAMWILLE: Welche Themen und Länder waren noch auf der Konferenz vertreten?

Globale Themen wie digitale Ökosysteme und Wirtschaft, die künstliche Intelligenz, die Zukunft der Telekommunikation, Big Data und Ethik und Auswirkungen auf Regierungen, Gesellschaften und Industriesektoren.

Viele Länder außer Südkorea waren dabei, u.a. China, Taiwan, Japan, Chile, Mexiko, Italien, Nigeria, Indien, ….

TEAMWILLE: War es für Dich eine Herausforderung, Deinen Vortrag auf das internationale Publikum abzustimmen?

Nicht wirklich, da mein Vortragsthema inhaltlich für ein internationales Publikum geschnitten war. Die Herausforderung lag eher darin, dass das Publikum aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammengesetzt war. So waren hier Wissenschaftler und Professoren, Industrievertreter und Regierungsberater anwesend. Somit war ein nicht ganz einfach, ein gemeinsames Verständnis für das Thema zu schaffen.

TEAMWILLE: Hast Du neue Anregungen mitgenommen?

Ja, allerdings eher auf der persönlichen Ebene. Ich fand sehr interessant zu sehen und zu erleben, wie stark Selbst- und Fremdbild kulturell bedingt sein können. Ich meine damit, dass ich  in Europa eher als zurückhaltend wahrgenommen werde, in Seoul/Südkorea dagegen als extrovertiert. Das kann dazu führen, dass man mit der Zeit das Selbstbild ändert, um Selbstbild-Fremdbild-Inkonsistenzen zu vermeiden.

TEAMWILLE: Wie ist Dein Gesamteindruck von Südkorea, Seoul und der Kultur? Gab es Herausforderungen?

Insgesamt hat mir Südkorea und insbesondere Seoul sehr gut gefallen. Technologisch gesehen ist das Land extrem fortschrittlich (sie planen ja den 5G-Rollout bis zu den Winterspielen in diesem Jahr noch!). Uns Deutschen sind sie damit vielleicht 20-30 Jahre voraus. Kulturell ist das Land ebenso sehr interessant. Beeindruckt hat mich etwa, wie intensiv gegenseitiger Respekt gesellschaftlich gelebt wird.

Generell finde ich solche Reisen in Länder, die sich kulturell stark von der Heimat unterscheiden, extrem wertvoll, da sie die einmalige Chance bieten, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Das gibt einem die Möglichkeit zur Selbstreflexion und sich eventuell neu zu definieren. Und genau das ist für mich die Herausforderung: Sich auf eine persönliche, positive Änderung einzulassen, wenn man auf die Reise geht.

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