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Mrz

Was beim Ultimate Frisbee zählt ist der TEAMWILLE

 

2017: ein Wochenende im Januar. Das U24 Damennationalteam sitzt im Besprechungsraum des Uni-Sportzentrums der TU Darmstadt (Bundesleistungsstützpunkt des Deutschen Frisbeesport-Verbandes: http://www.frisbeesportverband.de/). Draußen auf den Spielfeldern liegt eine dünne Schneeschicht. Im Besprechungsraum lauschen 21 motivierte Spielerinnen aus ganz Deutschland, den beiden Nationaltrainern der Mannschaft – wegen der Kälte teilweise in Schlafsäcke gekuschelt.

Es war nur wenige Wochen her, dass ich einen Brief, der ein Flugticket nach Perth enthielt, aus meinem Briefkasten fischte. Ich muss ehrlich sein, dass es kein richtiges Flugticket war. Es war ein symbolisches Ticket zur U24 Ultimate Frisbee Weltmeisterschaft, die im Januar 2018 in Perth stattfinden würde. Ich konnte es kaum glauben. Ich hatte es in den Nationalkader geschafft.

Gerade werden im Besprechungsraum in Darmstadt Aufgaben für das Projekt „WM in Perth“ verteilt. Jede Spielerin wird im Jahr bis zur Meisterschaft eine Aufgabe übernehmen. Zwei Spielerinnen werden sich um die leibliche Verpflegung während Turnieren und Trainingslagern kümmern, andere werden mit verschiedenen Aufgaben den Teamzusammenhalt auch zwischen den Trainingslagern fördern, eine Spielerin wird in Koordination mit dem Männerteam mögliche Hotels für die Zeit während der WM heraussuchen.

Meine Aufgabe besteht darin, die Orte für unsere Trainingslager zu koordinieren. Einmal im Monat werden wir uns für die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft für ein Trainingslager oder ein Vorbereitungsturnier treffen. Die Trainingslager werden in verschiedenen Städten in Deutschland stattfinden. Die Spielerin aus dem Veranstaltungsort wird für die Organisation der Trainings- und Schlafplätze zuständig sein.

Selbstorganisation in der Vorbereitung

Neben der Planung des Vorbereitungszeitraumes erhalten wir an diesem unserem ersten Trainingslager auch eine Einführung zum professionellen Krafttraining. Uns wird erklärt, welche Arten von Muskelaufbau es gibt und in welcher Zeit der Vorbereitung diese trainiert werden sollten. Wir lernen verschiedene Übungen und Möglichkeiten kennen, die Übungen beispielsweise in unser Aufwärmprogramm zu integrieren. Was wir jedoch nicht erhalten, ist ein vorgefertigtes Muskelaufbauprogramm. Jede Spielerin wird in der Vorbereitung selbst für ihre Fitness verantwortlich sein und muss herausfinden, was ihr persönlich am besten liegt. So entsteht keine Frustration, wenn der Plan aufgrund bestimmter Umstände nicht eingehalten werden kann und jede kann sich auf ihre individuellen Stärken und Schwächen fokussieren.

Mit einem Koffer voller Werkzeuge, Aufgaben und guten Vorsätzen, mache ich mich nach dem ersten Trainingslager des Kaders auf den Rückweg nach Hamburg. Nun ist es meine Aufgabe, mich zu koordinieren, auszuprobieren und zu optimieren.

Ultimate Frisbee und agiles Projektmanagement

In dieser Einführung werden bereits einige Parallelen zwischen der Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft und agilem Projektmanagement sichtbar. Ähnlich einem agilen Projektteam wird den Spielerinnen der U24 eine große Freiheit bezüglich Inhalt, Umfang und  Gestaltung ihrer Trainingseinheiten/Arbeitsweise gewährleistet. Wichtig ist auch hier das endgültige Resultat. Es liegt in der Verantwortung der Spielerin zum Zeitpunkt der Meisterschaft fit und kompetent zu sein. Selbstorganisation im Team ist hier wie in agilen Methoden das Zauberwort. Auf eine Planung und Überwachung außerhalb der Trainingslager wird verzichtet.

Kurze Zyklen der Weiterentwicklung

Im Jahr vor der Weltmeisterschaft traf sich meine Mannschaft in einem vierwöchigen Zyklus für die Vorbereitung. Spielzüge wurden eingeübt, an grundlegenden Fertigkeiten und am Teamzusammenhalt gearbeitet. Durch diese kurzen Trainingszyklen erhielt ich durch meine Trainer, Mitspielerinnen und Selbstbeobachtung Feedback über meine bereits erreichten Leistungen und über Fertigkeiten, an denen ich noch arbeiten musste. Ich passte meinen Trainingsplan immer wieder meiner Leistung und meinen Bedürfnissen an. Auch das Zusammenspiel in der Mannschaft änderte sich mit der Kompetenz der Spielerinnen und neue Schwerpunkte wurden gesetzt, um das Projekt “ WM in Perth“ weiter voranzutreiben. Wie in agilen Projekten werden Herangehensweisen und Ergebnisse in kurzen Iterationen ausprobiert und bei Bedarf neu justiert. Inspect and Adapt.

Selbstorganisation während des Spiels: Fair Play und Spirit of the Game

Die Selbstorganisation kommt nicht von ungefähr. Zum einen kann man sie der noch wenig ausgebauten Infrastruktur des Ultimate Frisbeesportes zuschreiben; zum anderen ist sie tief im Ultimate Frisbee verankert.

Beim Ultimate Frisbee spielen zwei Mannschaften mit je sieben Feldspielern gegeneinander. Das Spielfeld entspricht in etwa der Größe eines Fußballplatzes. Die Mannschaften haben das Ziel, das Spielfeld zu überbrücken und den Frisbee in die gegnerische Endzone zu befördern. Mit dem Frisbee in der Hand zu laufen ist genauso verboten wie Körperkontakt. Die Spieler müssen also den Frisbee in ihren eigenen Reihen hin und her passen, um die Endzone des Gegners zu erreichen und einen Punkt zu erzielen. Wer als erstes innerhalb von 100 Minuten 15 Punkte erreicht, hat gewonnen.

Ein Grundprinzip des Sports bildet das ‚Fairplay‘ und der ‚Spirit of the Game‘. Ein Spiel im Ultimate Frisbee benötigt keine dritte Instanz für die Durchführung und Regelung. Die Feldspielerinnen sind komplett selbstverantwortlich. Ein Spiel wird nicht mit einem Anpfiff gestartet. Die Spielerinnen signalisieren durch einen erhobenen Arm ihre Bereitschaft und warten auf die Antwort des gegnerischen Teams. Dauert dies jedoch zu lange, kann dem Gegner mit dem Ruf: „Delay of Game“, eine Warnung angekündigt werden.

Im Spiel werden Regelverstöße und Uneinigkeiten auf eine ähnliche Weise gelöst. Die Spielerinnen signalisieren per festgelegter Handzeichen und sogenannten ‚Calls‘ ihr Anliegen bzw. Fouls. Möglichst kurz legen dann die beteiligten Parteien ihre Sichtweise dar und es wird gemeinsam entschieden, wie fortgefahren wird. Fouls können beispielsweise akzeptiert, zurückgezogen oder abgelehnt werden. Als Grundlage dient ein umfangreiches Regelwerk, welches von allen Spielerinnen beherrscht werden muss. Es ist also die Aufgabe der Spielerinnen, das Spiel am Laufen zu halten.

Taktische Fouls gibt es beim Ultimate Frisbee grundsätzlich nicht. Dies würde dem Fairplaygedanken widersprechen. Die Wertschätzung untereinander ist wie bei TEAMWILLE ein Grundprinzip.

Beim Ultimate Frisbee kann es jedoch auch einmal passieren, dass eine Mannschaft der Ansicht ist, dass das Spiel ‚unspirited‘, also der Gedanke des Gewinnens dem Spielgedanken vorangestellt, ist. Ist dies der Fall, kann es zu einer Unterbrechung des Spiels und einem gegenseitigen Austausch darüber kommen. Durch diese Auszeit können sich die Mannschaften noch während der Spielzeit in Richtung eines faireren Spiels und somit besseren Ergebnisses bewegen. Auch hier gibt es eine Parallele zum Agilen Projektmanagement: während der Projektlaufzeit werden Mängel rechtzeitig geändert bevor das ganze Projekt auf diesen aufbaut und das Ergebnis grundlegend überarbeitet werden muss. Auch hier also: Inspect and Adapt.

Der Fairplaygedanke

Im Ultimate Frisbee zählt nicht nur das Gewinnen des Spiels. Auch der Spirit der gegnerischen Mannschaft wird auf einer 15-Punkte Skala bewertet. Gäbe es bei einem Turnier nun einen Sieger mit einer sehr schlechten Spiritpunktzahl, wäre dies keine gute Referenz für das Siegerteam.

 

Selbstbeteiligung fördert die Motivation und den TEAMWILLEn

Im Laufe der Vorbereitung wurde mir bewusst, dass die Planung und Organisation einer WM-Teilnahme fast genauso viel Energie wie das Training benötigt. Doch gerade diese Anstrengung steigerte nochmal meine intrinsische Motivation. Jede Spielerin hatte so viel dafür geleistet, dass wir als Team an der Weltmeisterschaft teilnehmen können. Es ist faszinierend, welchen Zusammenhalt und Ehrgeiz wir dadurch entwickelten. Als wir bei der WM das entscheidende Spiel für den Eintritt in das Halbfinale verloren, war die Trauer hauptsächlich deswegen so groß, weil wir wussten, dass wir nie wieder in dieser Konstellation als Team zusammenspielen würden. Wir kannten jegliche Stärken und Schwächen jeder Spielerin und jede war auf ihre Weise unverzichtbar für das Team. Doch alleine dieses Gefühl des starken Teamzusammenhaltes machte es möglich, dass das Projekt „WM in Perth“ zu einem sehr guten Resultat geführt hatte.

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